Der Traum ist aus – Die Identitäten, Pathos und das Altern

Früher ging ich davon aus, dass Nazis irgendwann aussterben. Ich war schon immer verwundert, wenn von Nazi-Aufmärschen gesprochen wurde – selbst der größte Rassist müsste sich doch dem Alter irgendwann ergeben und an den Rollator gefesselt Hassparolen nur noch im öden Innenhof eines Altenheims von sich geben können. 1945 lag ein Menschenleben zurück und ich erwartete freudig den Tag, an dem die größeren Tageszeitungen einen Nachruf auf den kürzlich verstorbenen letzten Nazi abdrucken würden. Ich lag in meiner Annahme falsch. Dazu später mehr.

„Kinder sind unsere Zukunft!“ „Unsere Kindern werden aus der Welt eine bessere machen“ „Kinder sind die besseren Menschen!“ Auch mit dieser Annahme wuchs ich auf. Politiker, Lehrer und Eltern wiederholten dieses Mantra bis es zu einer grundlegenden Überzeugung wurde. Es war so, als hätte die Welt auf einen gewartet; darauf, dass in den Kitas und Grundschulen dieser Erde Pläne für eine bessere Zukunft geschmiedet werden, die die Fehler der Alten korrigieren. Grenzenloser Windel-Optimismus. Und nach ein paar Jahren schienen diese Träume in Erfüllung zu gehen. 8-jährige gründen Start-Ups und Stiftungen um den Planeten zu retten. Hurrah! Vergesst was gestern war und heute ist, unsere Kinder richten das morgen. So wurde man älter, von allen Seiten und Institutionen wurde man mit Bewunderung bedacht. Was man machte, machte man sehr gut und die, die aus der Reihe tanzten, hatten dann ADHS. Mit dem Abitur gehörte man einer Bildungselite an, die ersten Freunde fingen an Medizin oder Umwelttechnik zu studieren. Die Zukunft sah gut aus.

Kommen wir nun zu unserem eigentlichen Thema:

Die Identitäre Bewegung. Die Identitäre Bewegung (oder auch kurz und hip „Die Identitären“) sind die Posterboys der neuen Rechten. Als Jugendorganisation konzipiert passen ihre öffentliche Agenda und Inhalte auf ein Bravo-Poster. Ursprünglich stammt die (nach eigenen Angaben) „paneuropäische Jugendbewegung“ aus Frankreich, setzte sich in Österreich durch und ist seit ca. 1 ½ Jahren auch in Deutschland aktiv. Durch „aufsehenerregende Aktionen“ wie der Besteigung des Brandenburger Tors, der „Besetzung“ der CDU-Parteizentrale und einer versuchten und wenig überraschend gescheiterten Erstürmung des Bundesjustizministeriums kämpfen die Identitären Aktivisten gegen die „Islamisierung Europas“ (oder auch „die Große Umvolkung“, „die Politiker“ und etwaige andere rechte Feindbilder). [1] Mehr zu diesen Aktionen später.

Sie inszenieren sich als unabhängig und überparteilich, was defacto stimmt, denn sie ziehen nicht nur Mitglieder der Jungen Alternativen (Jugendorganisation der AfD) an, sondern auch der NPD-Jugend, sowie anderer rechtsextremer Klein- und Splittergruppen (z.B. Studentenverbindungen der Deutschen Burschenschaft (rechtskonservativer Sammelverband einiger Burschenschaften) oder der „Pro NRW-Bewegung[2]“).

„Rechts“ ist ein Wort, dass die Identitären übrigens nicht gerne hören. Sie seien keine rechte Gruppe, teilweise seien sie nicht einmal eine politische Organisation – nein, sie seien einfach nur junge Europäer, die sich Sorgen um die Zukunft machen. Das scheint ja sehr normal und auch erwünscht zu sein.

Außerdem sei die Identitäre Bewegung in keinster Weise rassistisch („Ich habe viele braune Freunde!“ – Martin Sellner), nein, die Identitären sind Anhänger des Ethnopluralismus. Demnach sind zwar alle Menschen und Kulturen gleich, allerdings nur in ihrer Ethnie, die sich zwar im Gegensatz zum „normalen“ Rassismus nicht biologisch sondern „kulturell“ definiert.  Dies bedeutet im Grunde, dass jeder Einzelne zu einer ganz bestimmten Kultur gehört, die „rein“ gehalten werden muss und durch die „Vermischung“, also durch eine multikulturelle Gesellschaft bedroht ist. Frei nach dem Motto „Deutschland den Deutschen, die Türkei den Türken“. Kommt ihnen das irgendwie bekannt vor? [3]

Auch deshalb ist nach Aussage der Identitären die Angst vor dem Fremden vollkommen natürlich und Rassismus und Gewalt gegenüber Asylsuchenden nur ein sanfter und legitimer Ausdruck der Besorgtheit.  Kulturkreise sind identitätsstiftend. Und deshalb, so folgern diese gelb-schwarzen Kulturkelten, dürfe der eigene Kulturkreis nicht für längere Zeit verlassen, aufgebrochen oder verändert werden.  Und so inszeniert sich der Identitäre, als „Kritiker des Mainstreams“, der gar nichts gegen Ausländer hat und sich sogar eigentlich nur um das Wohl des „Flüchtlings“ sorgt, der sich in Deutschland sowieso nie wohl fühlen würde, weshalb seine größte Chance nur die Rückkehr ins eigene Land sei. Perfide.

Rainald Grebe sang in seiner Hymne „Brandenburg“: „…Da stehn’ drei Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum verprügeln…“. Diese wunderbare Zeit, in der man Rechtsextreme auf weitem Feld gut an Glatze, Fratze und Springer-Stiefeln erkennen konnte, ist vorbei.

Die neue Rechten sind nicht mehr so berechenbar dumpf, nicht mehr klar am Äußeren und gelegentlich auch nicht mehr klar an ihren Inhalten als Rechtsextreme zu erkennen. Sie haben dazu gelernt. Das Wort der Stunde heißt Kulturrevolution von rechts. Vordenker dieser Bewegung ist der Franzose Alain de Benoist, der wiederum die grundlegende Strategie der Neuen Rechten von Antonio Gramsci übernimmt, der überraschenderweise, linker Theoretiker, Stimme der italienischen Arbeiterbewegung nach dem Ersten Weltkrieg und Gründer der Kommunistischen Partei Italiens war. Rechte die von Linken Inhalte übernehmen?

Um das zu klären müssen wir ausholen. Weit, sehr weit sogar, wäre dies ein Referat, hätte jeder Lehrer mittlerweile entweder versucht abzubrechen oder seinen Frust über ziellose Vorträge im Alkohol ertränkt. Gehen wir zurück nach Italien im Jahr 1926: Mussolini radiert die letzten Spuren der Demokratie aus, Gramsci wird verhaftet und von der gleichgeschalteten Justiz zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt; der Staatsanwalt schließt seine Anklagerede mit den Worten: „Dieser Kopf soll 20 Jahre nicht denken können!“.

Und trotzdem, entgegen aller Bemühungen der Faschisten, tut Gramsci eben genau das: Er denkt. Verdammt viel sogar. Er beginnt, anfangs größtenteils abgeschnitten von Nachrichten der italienischen Politik, über die Ereignisse der letzten Jahre zu reflektieren und gelangte schließlich bei der Frage an, warum 1917 ausgerechnet im rückständigen Russland die proletarische Revolution erfolgreich war, im entwickelten Westen hingegen nicht. Als Grund für diese verschiedenen Ergebnisse der vergleichbaren proletarischen Bewegungen in diesen Ländern sieht Gramsci die „Zivilgesellschaft“.

In den damaligen europäischen Staaten hätte sich ein freiwilliger Raum politischer Initiaitve gebildet der trotzdem weitgehend politisch unabhängig ist, ein sozusagen vorpolitischer Raum.

Dieser besteht unter anderem aus Vereinigungen und Vertretern aus den Bereichen Sport, Kultur, Gewerkschaften, Presse, Kirche, Bürgerbewegungen, eben alle nichtstaatlichen Institutionen, die auf „meinungsbildende und herrschaftssichernde Prozesse Einfluss nehmen“. Diese Zivilgesellschaft wirke als Wellenbrecher, als Schützengräben der westlichen Demokratien.

Draus schloss Gramsci, dass jede revolutionäre Bewegung erst den Kampf um diese Zivilgesellschaft, ihre Normen, Ideale, Sprache und Gedanken, aufnehmen müsse, um letztendlich eine Revolution durchzusetzen. Diese benötigte „Kulturrevolution“ greifen Alain de Benoist und andere Rechtsintellektuelle von Gramsci auf und verkehren sie zur „Kulturrevolution von rechts“.

Die Neue Rechte fährt also eine Doppelstrategie: Auf der einen Seite Angriffe auf den Staat und seine Institutionen, auf der anderen das Untergraben der Zivilgesellschaft. Während z.B. Pegida den Rahmen des Sagbaren über Begriffe wie „Lügenpresse“ und „Volksvertreter“ nach rechts verschiebt, kümmert sich die Identitäre Bewegung um das Machbare.

Die Identitären hingegen sind der aktivistische Arm der Neuen Rechten. Wie schon erwähnt sind ihre Aktionen in keinster Weise erfolgreich: Bei der „Besetzung der CDU-Parteizentrale“ stiegen Parteimitglieder ohne Probleme auf dem Weg nach draußen einfach über den Blockadering, bei der „Erstürmung“ des Justizministeriums gelangte kein einziger Identitärer ins Innere und die groß angekündigte Demo „Zukunft Europa – Für die Verteidigung unserer Identität, Kultur und Lebensweise“ kam im Berliner Wedding dank Gegendemonstranten keine 500 Meter weit. Auch der jüngste Fall des identitären asozialen Aktivismus war eine Lachnummer: Die „Bewegung“ sammelte Spenden um ein Boot zu finanzieren, mit dem die Seenotrettung der Küstenwache im Mittelmeer für Flüchtlinge behindert werden sollte. Das Geld bekamen sie sogar zusammen, nur endete die feucht-fröhliche-Fascho-Fahrt schnell wieder im zypriotischen Hafen, fünf Männer aus Sri Lanka, die an Bord waren, baten in Italien um Asyl und der Kapitän wurde der Schlepperei angeklagt.

DFqlDlxXkAAxXUH

Doch das ist der Punkt, es geht den Identitären nicht um Erfolg. Die Aufmerksamkeit eben dieser Zivilgesellschaft zählt.
Und die bekommt sie, und zwar immer mehr. Und darin liegt das beängstigende Kalkül der IB.

Selbstinszenierung beherrschen sie ohne Frage, durch Hochglanz-Videos, pathetische Filmmusik, einem wagnerianischen Duktus und einer sehr eigenen Informationskultur überhöhen sie sich systematisch selbst und stilisieren sich damit zu einer „echten Bewegung“. Auch wenn es in Deutschland nach Schätzungen des Verfassungsschutzes nur ca. 400 aktive Mitglieder gibt und für die länger geplanten Demos und Aktionen regelmäßig Identitäre aus Frankreich & Österreich anreisen müssen wirkt die IB mittlerweile teilweise omnipräsent, zumindest, wenn man sich ein wenig mit ihnen auseinandersetzt. Woher kommt das?

In diesem Fall wirkt sich die geringe Teilnehmeranzahl sogar positiv für IB aus. Meist gibt es wenige Reporter die direkt vor Ort sind, eigenes Bildmaterial von Agenturen oder Redaktionen gibt es noch seltener. Deswegen greifen Medien allzu gerne auf eben diese identitären Image-Filmchen zurück, die billig und leicht zugänglich, dafür leider aber auch ziemlich verklärend sind. Und dadurch, wie auch bei Pegida, HoGeSa und auch der AfD werden ihre eigentlich klar rechtsextremen Thesen und Worthülsen in den Mainstream getragen und dadurch salonfähig.

Die rechte „Kulturrevolution“ hört jedoch noch nicht bei eben dieser Verschiebung auf. Gleichzeitig adaptiert und vereinnahmt die neue Rechte Kultur, und, vor allem bei den Identitären, Popkultur für sich. So zum Beispiel Sticker und Memes der Identitären, auf denen Asterix plötzlich zum Verteidiger Europas vor „dem Nahen Osten“ wird, Superman bzw. Clark Kent gegen die Presse kämpft und auch das schwarz-gelbe Lambda, das Symbol der Bewegung, ist dem hypermaskulinen Sandalenfilm „300“ entliehen, in dem die kleine Truppe Spartaner die übermächtigen Perser bekämpft. Alles ist symbolisch. Und nicht nur die IB übernimmt Figuren, Bilder und Musik aus Film & Fernsehen. Schon die italienischen und deutschen Faschisten vereinnahmten Religion und Folklore, sozusagen die Vorläufer unserer heutigen Popkultur, um so der Zivilgesellschaft auch den letzten Raum, frei von Propaganda, zu nehmen. Auch diese Beobachtung bezog Gramsci in seine These zum „Kampf um die Köpfe“ mit ein. Momentan sind wir von der vollständigen Übernahme der Popkultur noch weit entfernt, doch durch diese Umdeutung des Bekannten wird auch die neurechte Ideologie zugänglicher, bekommt plötzlich ein seichtes, fast harmloses Image.

Und trotzdem wandern die Inhalte, die Parolen der Rechten langsam in die (manchmal auch eher eigendefinierte) Mitte der Gesellschaft. Klar, AfD war immer schon eine deutschtümelnde, populistische Partei, genau wie die CSU schon seit jeher am rechten Rand fischt und die Bild-Zeitung gewinnbringend gegen alles Fremde hetzt. Aber mittlerweile erscheinen auch in der FAZ Texte rechtspopulistischer Autoren erscheinen, Patriotismus ist wieder en vogue und Journalisten, Richter und Politiker werden belästigt, bekommen Morddrohungen und werden tätlich angegriffen. Das ist nicht mehr normal. Der Rahmen des Akzeptierten wird nach rechts verschoben, Grenzen systematisch überschritten, um das Gespür der Gesellschaft für die Gefahr, die von diesen Bewegungen ausgeht zu schwächen.

1td5qh
Wo wir gerade schon bei Popkultur sind…

Währenddessen feiert sich die IB als junge Spaßguerllia, alles nicht so ernst, nur eine engagierte Truppe junger Europäer, und Patriotismus kann ja so schlecht nie sein, oder?

Die Identitären leben für ihr selbstgerechtes Pathos, sie lieben es, wie schön larmoyant sie durch die (metaphorische) Landschaft ziehen können. Theatralisch ist das neue Marzialisch. Bleiben wir also auch beim Theater. Manchmal fühle ich mich so, als wäre die Identitäre Bewegung mein Nemesis. Mein größter Gegner, der mich an meine Grenzen bringt. Und doch bin ich bereit und habe mir den Kampf gegen diese Vereinigung auf die Fahne geschrieben. Nur wissen das die Identitären noch nicht. Wenn die Pathos benutzen dürfen habe ich auch ein Recht darauf:

Ich wollte schon seit langem einen Post über die Identitäre Bewegung schreiben. Sie geht mir wahnsinnig auf die Nerven. Außerdem ist sie natürlich eine rechtsextreme Gruppierung die larmoyant gegen Andere hetzt und sich selbst dabei im Recht sieht. Und ich dachte mir, dass ich einen für mich so typischen Artikel schreibe. Hier ein Witz, da ein Wortspiel, lange Schachtelsätze auf einem nicht allzu hohen Niveau.

Ein Rant mit wüsten Beschimpfungen, ein bisschen Gonzo vielleicht.

Und dann fing ich an zu schreiben. Ich war mit einem Filmteam auf dem Weg nach Rheinland-Pfalz, als wir auf der A4 in einen Stau kamen. Das Navi riet uns durch die thüringische Provinz zu fahren; wir folgten brav. Wir stauten uns ein wenig durch den schönen Ort Magdala, ein Dörfchen zerteilt von einer Landstraße auf der wir uns langsam weiter gen Autobahn wälzten. Plötzlich entdeckte unser Regisseur eine Reichskriegsflagge, die schlapp auf einem Balkon vor sich hin wehte. Mein Klischee war bestätigt. Osten – Check, Thüringen – Check, Dorf – Check, Reihenhaus – Check. Die hässliche Fratze der Provinz. Ich stieg aus, griff meine Tasche und lief zurück zum Gartentor. Ich überlegte was meine weiteren Schritte sein sollten. Über das Tor springen, auf den Balkon und die Fahne klauen? Das Haus mit Farbe bewerfen, Sticker kleben, Parole auf die Hauswand schreiben? Ich hatte nichts davon mit und der Balkon war deutlich zu hoch. Also klingelte ich. Als die Hausherrin erschien, begann folgendes Gespräch:

„Ja hallo, Sie haben da eine Reichskriegsflagge gehisst, wollen Sie sich dazu äußern?“

Frau: „Nein, die ist nicht verboten, das ist so!“

„Ja aber warum trauern Sie einer Nazi-Diktatur oder zumindest einer untergegangenen Monarchie nach?“

F: „Das ist unser Glaube, Sie versiffter Links-Grün-Faschist!“

„Dann muss ich sie leider eine Rassistin nennen!“

Darauf schlug sie das Gartentor zu und auch ich musste merken, dass das Gespräch vorbei war. Und natürlich wusste ich, dass ich nichts an der Situation geändert hatte. Die Frau würde Rassistin bleiben, die Flagge weiterhin zerfleddert über Magdala flattern.

Und obwohl ich ziemliche stolz war als „versiffter Links-Grün-Faschist“ bezeichnet zu werden schreibe ich das nicht um mich als den antifaschistischen Helden des Tages zu präsentieren.

Mir hat das irgendwann keine Ruhe mehr gelassen. Ich schreibe jetzt schon seit über zwei Monaten an diesem blöden Text. Und immer, wenn irgendwo in den Nachrichten die Identitären auftauchten wird mir schlecht. Und ich frage mich warum. Und für die Antwort wieder zurück zum Pathos und zum Anfang:

Ich bin desillusioniert. Der Traum ist aus. Nazis sterben nicht einfach. Und auch meine Hoffnung, dass wir oder eine andere Generation allein durch ein bestimmtes Geburtsjahr oder äußeren Einflüsse die Welt automatisch zu einer besseren machen würden war dahin. Natürlich war es naiv, zu denken, dass dies irgendwann passieren würde. „Altern ist der radikale Prozess der Einsicht der eigenen Unzulänglichkeit“ (Zitat Peter Uffelmann). Und auch der Unzulänglichkeit der Anderen. Nicht etwa an einem gesellschaftlichen Maßstab. Und diese Unzulänglichkeit ist auch nicht unbedingt negativ. Aber diese Einsicht hilft beim Umgang mit Erwartungen. Denn auch der viel beschworene und manchmal verbittert beschimpfte jugendliche Optimimus verdünnt sich langsam mit jedem Tag, jedem Jahr neuer Erfahrungen. Und auch das klingt sehr pathetisch, aber niemand ist unkorrumpierbar. Auch die Identitären waren mal diese Kinder, die die Zukunft waren.  Diese Leute sind im Großteil Studenten. Sie leben nicht im Prekariat, wurden nicht von ihren Eltern vernachlässigt. Auch sie hatten Geschichtsunterricht, haben ein Konzentrationslager besucht, sie kennen das System und die Methoden des Dritten Reichs. Und trotzdem vertreten sie rassistische; rechtsextreme und menschenverachtende Positionen. Woher kommt das?

Die Identitären, wie so viele Rechtsextreme sind erschreckend normale Menschen. Und auch wenn wir es schon vor ca. 80 Jahren gesehen haben muss man es sich noch einmal ins Gedächtnis rufen. Jeder kann ein Nazi werden, jeder kann ein Nazi sein. Nicht der (um es überspitzt zu sagen) ungebildete Arbeitslose hat den Nationalsozialisten zur Macht verholfen, sondern die Mittel- und Oberschicht. Auch da waren die wenigsten sozial oder finanziell abgehängt! Nein, es ging und geht auch heute noch um den eigenen Vorteil, das Gefühl der Selbstermächtigung, wenn man andere diskriminiert, hasst oder umbringt. Das hat mir die IB klargemacht: Es gibt keinen Grund, und auch deshalb gibt es keine Entschuldigung, Nazi zu sein.

Und deshalb muss die Zivilgesellschaft, muss jeder von uns, auch eine Doppelstrategie fahren. Den direkten Kontakt suchen, auf Demos, auf der Straße, zuhause, im Urlaub, auf der Arbeit, egal wo: Wenn du schwarz-weiß-rot siehst, wenn du Symbole siehst, Lieder hörst, Rassismus erlebst, ob direkt oder indirekt, geh hin! Sag was! Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda!

Und eben diese Nazipropaganda zu entlarven! Die Kulturevolution von rechts funktioniert nur, wenn sie sich anschleicht – versuche die Agenda der Rechten zu erkennen, um dann richtig darauf reagieren zu können.

Auch wenn wir nicht mehr so optimistisch sein können wie wir einmal waren, heißt das nicht, dass wir uns angesichts dessen erlauben können, in Zynismus zu verfallen. Und diese Erkenntnis, dieses Altern hat auch etwas. Früher konnte man nur hoffen, jetzt kann man aktiv etwas tun.

Es ist Zeit, die Komfortzone zu verlassen.

P.S.: Bei zwei Monaten Schreiben, Recherche und viel Prokrastination kommt ganz schön viel Hintergrundmusik rum. Deshalb hier die offizielle Playlist zum Post, mit frei zum Text assoziierter Musik, die die Stimmung beim Schreiben ganz gut verdeutlicht! Enjoy:

Schwarz-Gelbe Kulturkelten: Musik gegen die Identitäte Bewegung

nazi_hipster02
Sticker gegen die Identitäte Bewegung, hier auch online erhältlich: https://black-mosquito.org/nazi-hipster-verjagen-aufkleber.html.html

P.P.S: Der Themenkomplex um die Identitäten, die Neue Rechte und um Gramsci ist noch so viel größer und auch komplexer als es hier dargestellt werden kann. Das nervt mich, und ich hätte wahrscheinlich noch zwei Monate länger an diesem Text schreiben können. Aber das hätte nichts gebracht – in Word ist dieser Post jetzt schon 10 Seiten lang, eigentlich schon viel zu viel für einen Blog wie den hier. Wütend bin ich allerdings noch immer, also gibt es wahrscheinlich in den nächsten zwei Jahren mal ein Follow-Up! Ich hoffe das auch dieser Text noch einigermaßen lesbar ist. Er ist getränkt in Pathos und nicht gerade guten oder ausgereiften Witzen – das wird das nächste Mal auch wieder anders. Danke fürs Lesen, danke an alle die mir im Vorfeld ihre Meinung oder Kritik geäußert haben! Ich hoffe es hat geholfen!

 

Quellen:

http://www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/ausstrahlung-1062390.html

http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2008/11/04/totalitarismus-als-absorption-der-zivilgesellschaft-antonio-gramsci-hannah-arendt-und-der-italienische-faschismus_535

http://www.akweb.de/ak_s/ak441/03.htm

[1] http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/241438/die-identitaeren-mehr-als-nur-ein-internet-phaenomen

[2] http://www.bpb.de/politik/wahlen/wer-steht-zur-wahl/europawahl-2014/180973/pro-nrw

[3] http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/41435/die-neue-rechte-in-der-bundesrepublik

Advertisements

Autor: derschweigerste

Paul. Wahn-Berliner. Zu jung um sich über die Welt aufzuregen, zu alt um sie nur schön zu finden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s